Gedichte

Trümmer

Nach dem Krieg 

gehörten sie zum Alltag

in den zerbombten Städten

zwischen den zerstörten Häusern

klopf klopf klopf

der Klang der Steine

von den Trümmerfrauen 

für den Wiederaufbau 

in Form gebracht

Heute

im Frieden

in den heilen Häusern

sitzen die Trümmermenschen

umgeben von Beziehungsschutt

klopf klopf klopfen die Gedanken

an den Partner

der nicht mehr da ist 

die Kinder

die Großeltern 

mit all ihren Ansprüchen 

die Arbeit im Schichtdienst

im Minijob

manchmal auch abgeschoben

nicht mehr vermittelbar

ein schmaler Grat

auf dem sie balancieren

rechts der finanzielle Abgrund

links der nervliche

klopf klopf klopf

im Kopf

staubt es

wirbeln die Gedanken

organisieren

von früh bis zu spät

wer nimmt die Kinder

kümmert sich um Oma

tauscht die Schicht

macht die Hausarbeit

hört mir abends noch zu

und manchmal

zwischendurch

Ruhe

alles geschafft

Zeit für mich

für meine Nerven

mit dem Ende des Klopfens

beginnt die Zeit

die dem Wiederaufbau gehört

Dachte ich 

Stattdessen

Leben wir alle im Kolibriflügelschlag

Immer schneller und schneller 

Während der Arbeit schon Kontakt zu den Freunden aufnehmen 

damit es nach Feierabend nahtlos weiter gehen kann 

Verabredet, verplant, verdichtet sich der Verdacht 

Das ohne die hektische Betriebsamkeit 

der Kolibriflügel muss schlagen

Sonst stürzt er ab

Landet hart auf dem Boden

Wie wir 

Unser Boden die Tatsachen 

Das nicht wissen wohin mit uns 

In der Ruhe liegt die Verzweiflung 

Schon drei Minuten keiner geschrieben 

Blauer Haken noch keine Antwort 

Sprachnachrichten voller Sprachlosigkeit 

Lass mich nicht allein 

Feiern, Bilder zeigen vom prallen Leben 

Und immer wieder ich mittendrin 

Pausenlos 

Filme, Texte, Lieder, 

Sieh dir das an

Lies mal, hör mal, halt nur nicht an

Und denk an den Kommentar 

Damit der Kopf nicht merkt 

dass niemand zu Hause ist 

Sind doch alle Lichter an 

Flackern schnell und schneller

Bunt und aus der ganzen Welt 

Kolibrifarben sausen vor unseren Augen

Summen die Flügel

Wie unsere Gedanken 

Nicht anhalten 

Schon wieder ungelesene Nachrichten 

Wichtige Kurzfilme, das nächste Lied

Und denk an den Kommentar 

Oder interessiert dich das nicht?

Wo bleibt deine Antwort?

Beeil dich, na komm schon 

Warte nicht zu lange 

Zeit ist knapp 

Das Leben läuft immer schneller 

Kannst du noch mithalten, mitdenken,

Durchfinden und halten

Kommentieren, weiterleiten, an andere

von anderen 

Damit du dich nicht verlierst 

Mach noch ein Bild von dir 

Schick es schnell ab

So wirst du nicht vergessen 

Gehst nicht im Gewimmel verloren 

Auf deinen Kommentar wird gewartet 

Nichts darf dir egal sein 

Du bist der Flügelschlag und die Farbe

In deinem Leben 

Oder kommt alles von außen 

Bist du vielleicht gar kein Kolibri 

Der Kuckuck im von anderen gebauten Nest

Kommt auch durchs Leben

Ist nicht so bunt 

braucht nichts eigenes können 

Ist nicht so wichtig 

doch sein Kommentar zählt 

Kuckuck 

Ich hab dich reingelegt 

Das klopfen hat nicht aufgehört 

Hört sich nur anders an

Niemals Ruhe

Für meinen Kopf 

Was tun wir uns an?

Von Ariane Timm

Gedichte

Mia und die Nusscrepes

Hallo Oma, hier ist Mia…

Mia? Kind, bist du das? Du musst lauter reden, mein Hörgerät will heute nicht so richtig. 

Oma, ich hatte einen Krebsverdacht…

Was sagst du? Crêpes gemacht? Warum sagst du nicht einfach Pfannkuchen wie früher? 

OMA, ich hab Brustkrebs!

Nuss-Crêpes? Ach, du meinst mit dieser Nusscreme, ja, die kenn ich, hab ich letztes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt gesehen…

OMA, ich werd schon nächste Woche operiert!

Na klar hab ich einen probiert, schmecken genau wie Pfannkuchen, nur bisschen geizig mit dem Teig, wenn du mich fragst…

Oma,

Warte mal, das klingelt hier andauernd, ich muss eben zur Tür…

So da bin ich wieder, war keiner da, ich glaub das ist mein Hörgerät, das spinnt heute irgendwie..Hallo, Mia? Kind, bist du noch da?

Ja Oma, ich bin noch da, aber jetzt muss ich weiter.

Komm mich bald mal wieder besuchen, wer weiß, wie lange ich noch hier bin, ich werd ja auch nicht jünger…

Ja Oma, ich komm dich besuchen, wer weiss, wie lange wir noch hier sind…

Was hast du gesagt? Das klingelt schon wieder an der Tür, lass uns ein andermal telefonieren.

Tschüss Oma…

Mia legt auf.

Pfannkuchen mit Nusscreme…denkt sie.

Und dann…ich hab Nuss-Crêpes ….da muss ich mich jetzt durchbeißen…

Sie fängt an zu lachen, bis ihr wieder die Tränen kommen.

Bis sie alles überstanden hat, wird Mia die Geschichte bestimmt 100 mal erzählt haben.

Oma ist inzwischen im Pflegeheim, und für ihre 95 ziemlich gut drauf.

Als Mia zum ersten Mal dorthin fährt, hat sie ein paar Crêpes mit Nusscreme dabei …

Schmeckt wie Pfannkuchen sagt Oma, nur bisschen geizig mit dem Teig…

Von Ariane Timm

Gedichte

Lämmer

es sind jene, die sagen…Lämmer werden sowieso gegessen

eure Zäune entsprachen nicht der Norm

rettet die Wölfe

andere freilaufende Tiere sind nicht so schützenswert

es sind jene, die sagen…Gewalt gegen rechts und von links ist okay

eure Ansichten entsprachen nicht der Norm

rettet die Demokratie 

bezahlt dafür mit eurer Meinungsfreiheit 

es sind jene, die sagen….wir sind gegen euch

eure Vorschläge kommen nicht von der richtigen Seite 

rettet die Wahrheit 

indem ihr gegen sie demonstriert 

es sind jene, die übereinander reden…statt miteinander 

die zwar gegen Krieg, aber nicht für Gewaltlosigkeit sind

rettet den Frieden

mit Aufrüstung und dem Ruf zu den Waffen

es sind vor allem jene, die Schweigen…wie die Lämmer

weil sie Angst haben

vor den Wölfen

im Schafspelz

von Ariane Timm

Gedichte

Zaun

das wichtigste am Haus

ist sicherlich der Zaun

sonst könnten dir die Nachbarn 

ja auf den Teller schaun

der Mann von gegenüber 

er ist dir nicht geheuer?

die Kunstholzwand in hell

war gar nicht mal so teuer

sitzt du auf der Terasse

die Nachbarskinder stören

Betonlärmschutz drei Meter 

und nichts ist mehr zu hören 

am Badezimmerfenster

wohnt ein recht alter Herr

stehst du mal nackt vorm Spiegel 

fällt ihm das Schlafen schwer

am nächsten Tag geliefert 

der Sichtschutzzaun mit Ranken

der Herr kann nichts mehr sehen 

sein Herz wird es dir danken

wenn du im Nachthemd kochst

und jemand schaut durchs Fenster

erzählt die Nachbarschaft 

da drüben sind Gespenster

die Gitterwand gefüllt 

mit wunderschönen Steinen

lässt keine Blicke mehr

in deine Küche scheinen 

auch Weihnachten sitzt du allein 

das macht dir gar nichts aus 

wie alle fröhlich schmücken 

ist dir ein echter Graus

für Weihnachtsliedersinger

ging deine Tür nicht auf 

drum war auch keiner traurig 

bei folgenden Verlauf

im wohlumzäunten Haus 

fühlst du dich gut behütet

das Schicksal aber hat

für dich was ausgebrütet 

du warst grad eingeschlafen 

da fiel mit einem Krach

ein viel zu knapp betanktes

Flugzeug voll auf dein Dach

die Zäune und die Nachbarn 

sind schön verschont geblieben 

für sie ein Weihnachtswunder

du schmollst auf Wolke sieben

von Ariane Timm

Gedichte

Der Pflaumenkern

„oh Mutter, so sprich, hast du für mich Zeit?“

frug mittags die Tochter und lächelte breit

„ich pflückte vom Baume die Pflaumen in Massen

kaum können die Körbe die Früchte noch fassen

nun Mütterlein, ich wüsste gar gern

hilfst du mir mit der Pflaumen Kern?“

„ach Kind, lass greifen mich nur dies Gerät

 im Küchenschrank ganz unten es steht

zerteilet die Pflaume und nimmt ihr die Mitte,

damit erfüll ich doch gern deine Bitte“

hinfort eilt die Tochter, und Mutter sodann

mit dem Entkerner greift die Früchte an

wobei nun geht ihr auf ein Licht

mit diesen Pflaumen stimmt was nicht

denn keine will den Kern hergeben

es ist ein Stechen und ein Kleben

Mütterlein fängt an zu schwitzen 

weil bombenfest die Kerne sitzen

es greift zum Fernsprechapparat

„mein Kind, die Arbeit hier ist hart!

im nächsten Herbst, so merk dir das

nimm lieber Pflaumen aus dem Glas!“

von Ariane Timm

Gedichte

The hedgehog king

a partridge on a peartree jumped

some fruits came tumbling down

they fell upon the hedgehog king

and smashed right flat his crown

the partridge cried : „I’m sorry, man

pray tell, are you okay?“

it reared back in surprise

to hear the king shout loud „hooray“!

„you made my day, dear partridge

I did not want this crown

now it’s beyond repairing

thank God the pears fell down“

short silence

and should you now consider

a rather happy end

I guess you have forgotten

the hungry fox, my friend

whilst hedgehog and partridge

still spoke on the ground

the fox crept upon them

not making a sound

the bird was quite tasty

the fox belched out loud

but hedgehogs are prickly

the fox hurt his snout

you live and you learn

lose a crown to some fruit

before you can party,

your life follows suit

by Ariane Timm

Gedichte

Advent

Leise rieselt der Schnee 

kracht vom Dach …ach

morgens um sieben

den Gehweg schon schieben 

ich bin erst halb wach

unterm Schnee liegt noch Eis

abgebremst durch den Steiß 

so ein …Mist

während ich hier so sitze

schmilzt das Eis zu ner Pfütze

und mein Stert schön gekühlt 

kaum was fühlt 

langsam kämpf ich mich hoch 

kommt vorbei Nachbar Meyer

fällt und bricht sich die Hüfte

statt Weihnachtsmann

rauscht der Notarzt an

ich steh mit pitschenasser Hose

mein Steiß taut wieder auf 

Meyer und ich sehn Sterne vor Schmerzen 

in allen Fenstern brennen Kerzen

es ist Advent 

Von Ariane Timm

Gedichte

Das endoplasmatische Retikulum

Was ist ein endoplasmatisches Retikulum?

Endoplasma ist ja wiederverwerteter Kunststoff, also Plastik.

Und ein Retikulum ist eine Handtasche, in diesem Fall eine Tüte.

Es handelt sich also um eine recycelte Plastiktüte.

Ein End ist ja die neutrale Form für ein Tier, das sich nicht zwischen Erpel und Ente

endscheiden kann.

Und oplasmatisch heißt ja ohne Plasma, also nur die Federn von dem Tier.

Ein Retikül ist eine Art Kissen, wir haben es also mit einem mit geschlechtsneutralen Federn

gefüllten Kopfkissen zu tun.

Endoplasmatisch heißt ja, das am Ende der Hammer hängt, 

oder das Baumelteil von so einer alten Uhr.

Und Retik bezieht sich auf das Material, in diesem Fall ein Geweih,

aus dem das Ulum, also die Uhr gemacht ist.

Vor uns liegt somit eine Hirschhornhammerschlagwerkuhr. Sehr selten.

Von Ariane Timm

Gedichte

Efeu

Ein kleiner Efeu schüchtern steht 

bei mir auf dem Balkon 

in einer Schale wohlgeformt 

nordöstlich von Hongkong 

Der Efeu hat ein hartes Leben 

denn er steht in der Sonne eben

ich sitze im Büro und schwitze 

mein Efeu trocknet in der Hitze 

Am Abend sehe ich mit Grausen 

der Efeu lässt die Blätter sausen

denn ich war wieder auswärts essen 

und hab das Gießen ganz vergessen 

Wenn knusprig braun ein Efeu 

dann hilft kein Wasser mehr 

ab in die Biotonne 

der Abschied fällt mir schwer 

Was wächst bei Sonnenwetter herrlich 

und braucht vom Wasser eher spärlich?

Ein kleiner grüner Kaktus 

steht nun auf dem Balkon 

in einer Schale wohlgeformt 

nordöstlich von Hongkong 

Von Ariane Timm 

Gedichte

Norbert

Once I was starving

Nothing left to eat

But a little bit of tasty looking hope

Reached out to grab it

With trembling hands

But it smiled at me and flew away

Only to come back a little later

Carrying Pizza, Pancake and a poodle

I ate everything

But the poodle

Him I kept 

His name was…N…

Norbert 

Ariane Timm